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Ehrenamt: Mehr als nur Kosmetik für den Lebenslauf

Für Flüchtlinge oder gegen Umweltzerstörung, für Kommilitonen oder gegen Hunger – sich für andere zu engagieren, liegt voll im Trend. Was es dir bringt und welches Ehrenamt wirklich zu dir passt.

Unisport

Für Schnellleser:

  • Spätestens seit der Flüchtlingswelle liegt ehrenamtliches Engagement im Trend.
  • Die Bandbreite der sinnstiftenden Projekte ist groß. Für jeden Geschmack und jedes Zeitbudget lässt sich etwas finden.
  • Praktisch: Viele Hochschulen belohnen ehrenamtliches Engagement mit credits („Service learning“).
  • Ehrenämter bringen auch den Helfern viel: Studierende sammeln zum Beispiel praktische Erfahrungen, knüpfen wichtige Kontakte, können Berufswege austesten.
  • Unternehmen erwarten von Bewerbern auf Spitzenpositionen, dass sie über den Tellerrand geschaut haben, zum Beispiel via Ehrenamt.
  • Erste Anlaufstelle für die Suche nach der passenden Initiative: die eigene Hochschule.
  • Nahezu jede Stadt unterhält Freiwilligenzentralen, in denen du dich beraten lassen kannst.
  • Die Ehrenamtspauschale bringt Steuervorteile.

Menschen stehen an Bahnsteigen und schwenken „refugees welcome“-Schilder, verteilen Becher mit heißem Tee oder geben Decken aus. Zehntausende freiwillige Helferinnen und Helfer sind zurzeit auf den Beinen. Auch viele Studenten sind darunter, geben Nachhilfe in Deutsch, organisieren Fußballspiele oder bieten Platz in ihrer WG an.

Sich für das Wohl anderer einzusetzen, ist aktueller denn je. Und neben den medial zurzeit überall präsenten Initiativen für Flüchtlinge, gibt es tausend weitere Wege, sich sinnstiftend einzubringen.

Service Learning an der Uni

Vom ehrenamtlichen Engagement profitieren nicht nur die, denen geholfen wird. Auch den Helfenden bringt der Einsatz einiges. Am unmittelbarsten natürlich dann, wenn die Tätigkeit aufs Studium angerechnet wird. In neudeutsch nennt sich das dann „service learning“ – sprich: Lernen durch Engagement

Dabei werden gemeinwohlorientierte Projekte in Seminaren vorbereitet und umgesetzt und am Ende gibt es credit points dafür. Mustergültig ist dabei die Uni Augsburg , die gleich mehrere Dutzend ehrenamtliche Initiativen am Start hat, die von einem Tag, über eine Woche oder ein ganzes Semester bis hin zu einem kompletten Begleitstudium reichen und für die es unterschiedliche credits und Bescheinigungen gibt. Aber auch schon viele andere Hochschulen haben Vergleichbares im Angebot. Infos dazu findest du am besten auf den Webseiten deiner Hochschule.

Ehrenamt lohnt sich für alle

Aber auch, wenn dein Ehrenamt nicht gleich in credit points mündet, lohnt das Engagement. Zum einen kannst du dich dabei schon mal umsehen, wohin es beruflich später gehen soll und wertvolle Kontakte knüpfen. Zum anderen schulst du viele Soft Skills. Sprich: Du erwirbst lauter Erfahrungen und Kompetenzen, die dir wegen mangelnder Berufspraxis noch fehlen – und die dir das (Berufs-)Leben leichter machen.

Und: Via Ehrenamt kannst du bei Bewerbungen um Jobs, Praktika oder Stipendien diese von Unternehmen so begehrten Soft Skills auch wirklich belegen. Wer beispielsweise drei Jahre ehrenamtlich bei der Obdachlosenhilfe mitgearbeitet hat, beweist, dass für ihn Einfühlungsvermögen und Ausdauer nicht nur reine Schlagworte sind.

Gut 80 Prozent aller deutschen Unternehmen legen, so ergab eine Studie der Personalberatung Kienbaum, bei der Rekrutierung von Top-Nachwuchskräften großen Wert darauf, dass diese sich jenseits des Studiums irgendwo engagiert haben.

Darüber hinaus hilft dir ein Ehrenamt, aus der Masse der Bewerber herauszustechen. Praktika und Auslandsaufenthalte bringen mittlerweile die meisten Kandidaten mit. Sich für andere einsetzen, ist noch nicht so weit verbreitet

Wo du anpacken kannst

Grundsätzlich hast du für dein Engagement die Wahl zwischen Initiativen aus verschiedensten Bereichen. Hier einige Anregungen:

  • Studentische Gremien/Hochschulpolitik: Wer in Hochschulinstitutionen wie Asta, Studentenparlament, Aiesec, Fachschaft oder Studentenwerk mitarbeitet, macht den Kommilitonen das Leben und das Studium leichter.
  • Studentische Initiativen: Dazu gehören Klassiker wie Uni-Radio, -Zeitung oder -Fernsehen, aber auch Mentorenschaften für Erstsemester, Teams , die Karrieremessen an der Hochschule organisieren, die Initiative Arbeiterkind , die es mittlerweile in über 70 Städten gibt und die Studierende aus Nicht-Akademiker-Familien mit Rat und Tat unterstützt, oder aber auch sehr lokale Projekte wie etwa das Nachhaltigkeitsprogramm „ Greening the University “ der Uni Tübingen.
  • Mitarbeit in der Politik: Parteien jeglicher Couleur freuen sich über Nachwuchs und helfende Hände für ihre Arbeit an der Basis. Aber Achtung: Je nachdem, wo man sich später bewirbt, kommt nicht immer jedes Ehrenamt gleich gut an. Insbesondere politisches Engagement kann polarisieren. Tipp für solche Fälle: Im Bewerbungsgespräch lieber ein bisschen mit den inhaltlichen Überzeugungen hinterm Berg halten und dafür die Kompetenzen, die man dort erworben hat, stärker betonen.
  • Karitative Einsätze: Ein sehr breites Feld. Hier lässt sich für jegliches Interesse eine passende Aktion finden. Du kannst beispielsweise im Kindergarten oder im Altenheim regelmäßig vorlesen, Obdachlose bei der Tafel versorgen, Flüchtlingsfamilien bei Behördengängen begleiten, Kommilitonen am Studentensorgentelefon zuhören, die Aidshilfe unterstützen, den Nikolaus im Kinderheim geben, Sterbende im Hospiz begleiten, als Krankenhausclown Kranke aufmuntern, im Frauenhaus helfen, Jugendgruppen im Ferienlager betreuen und vieles mehr...
  • Vereinsarbeit: Vereine, seien es welche für Sport, Musik, Tanzen, Kunst oder Theater, können nur funktionieren, indem sich einige Mitglieder stärker engagieren als andere, etwa als Vereinsvorstand, Schriftführer, Kassenwart oder Trainer.
  • Katastrophenhilfe & Co: Inmitten von vielen trendigen Hilfsprogrammen sind die Urgesteine des ehrenamtlichen Engagements wie etwa die Freiwillige Feuerwehr, das Technische Hilfswerk , die Johanniter oder die Malteser ein bisschen in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, auch hier gibt es viele spannende und nützliche Ehrenämter.
  • Einsatz für Menschenrechte, Umwelt-/Natur- oder Tierschutz: Auch wieder ein Bereich, in dem der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind. Die Palette reicht von den großen Klassikern wie Amnesty , Greenpeace , WWF oder Peta und Unicef bis zu sehr lokalen Projekten gleich vor deiner Haustür: Sei es der jährliche Dreck-Weg-Tag, Hunde-Gassi-führen im Tierheim oder das Bewachen von Nestern bedrohter Greifvögel bei der heimischen Vogelwarte.
  • Projekte in Eigenregie: Um sich nützlich zu machen, muss es oft auch gar nichts von dritter Seite Organisiertes sein. Wenn du einem Nachbarskind bei den Hausaufgaben unter die Arme greifst oder die ausländischen Kommilitonen beim Einleben unterstützt, ist das genauso hilfreich für alle Beteiligten. Tipp: Möchtest du selbst ein größeres gemeinnütziges Projekt auf die Beine stellen, bitte deine Hochschule (Lehrstuhl, Fachschaft, Asta etc.) um Hilfe. Viele Unis unterstützen die Vorhaben ihrer Studenten.
  • Ehrenamtsplattformen: Viele Bundesländer – wie etwa NRW , Hessen oder Hamburg – haben eigene Portale, wo du dir Anregungen und Ansprechpartner holen kannst.
  • Freiwilligenzentralen: Die meisten Städte unterhalten Freiwilligenzentralen . Mittlerweile sind es bundesweit über 400 Büros, die ehrenamtliche Projekte zusammenfassen. Dort kannst aus einer Vielzahl von Initiativen in deiner Nähe wählen und dich auch beraten lassen, wenn du unschlüssig bist.

So findest du das passende Ehrenamt

Du hast also die Qual der Wahl. Sinnvollerweise engagierst du dich in einem Bereich, der dir wichtig ist, in dem du etwas bewegen möchtest, der dir Spaß macht, in dem du deine Stärken einbringen kannst oder in dem du alternativ etwas dazulernen möchtest. Vor der konkreten Suche empfiehlt sich also erst mal eine kleine Bestandsaufnahme der eigenen Motivation.

Einen besonderen Charme haben Ehrenämter, in denen du Inhalte aus deinem Studium gleich mal praktisch anwenden kannst. Jurastudenten bieten beispielsweise in so genannten "Law clinics", die es an vielen Hochschulen mit Jura-Fakultät gibt, rechtliche Hilfestellung für Menschen an, die sich keinen Anwalt leisten können. Angehende Mediziner (ab dem achten Fachsemester) können sich im Umgang mit Patienten schulen, indem sie zum Beispiel bei „ Was hab ich “ mitmachen. Auf dieser Online-Plattform senden Patienten ihre Befunde ein, wo sie von Studenten in eine verständliche Sprache übersetzt werden.

Ingenieursstudenten bringen ihre technischen Kenntnisse in ehrenamtlichen Initiativen wie " Technik ohne Grenzen " oder " Ingenieure ohne Grenzen " bei Brücken-, Strassen- oder Brunnenbauprojekten in Entwicklungsländern ein.

Und in der gemeinnützigen Initiative Enactus , kommen Studenten aller Fachrichtungen zusammen, um Hilfsprojekte rund um den Globus auf die Beine zu stellen. Enactus-Teams gibt es derzeit an drei Dutzend deutschen Hochschulen. Du kannst mit deren Unterstützung aber auch selbst eines an deiner Uni gründen.

Zeit ist auch im vollsten Terminkalender

Vorlesungen, Hausarbeiten, Prüfungen, Nebenjob, Praktika – Wie soll in einen eng gesteckten Stundenplan überhaupt noch ein Ehrenamt reinpassen? Eine berechtigte Frage. Da überlegt man besser zweimal, bevor man eine weitere Verpflichtung eingeht.

Trotzdem muss sich keiner allein deshalb das soziale Engagement verkneifen, denn die Palette an Hilfsprojekten ist breit. Da lässt sich auch etwas für Menschen mit wenig Zeit finden. Als Leselernhelfer für ein Kind kommt man zum Beispiel schon mit einer Stunde pro Woche zurecht. Alternativ gibt es auch Hilfsangebote , die sich an den eigenen Rhythmus anpassen lassen, weil sie online zu erledigen sind. Da hast du dann beispielsweise die Aufgabe, für ein Projekt in Sri Lanka eine Spenderdatenbank anzulegen oder Filmgesellschaften für eine Menschenrechts-Dokumentation zu recherchieren.

Solltest du befürchten, wegen eines aufwendigen Ehrenamtes länger zu studieren und dadurch bei der Jobsuche Nachteile zu haben, kannst du beruhigt sein: Gleich mehrere Befragungen unter Personalverantwortlichen ergaben, dass Unternehmen gut mit ein, zwei Semestern jenseits der Regelstudienzeit leben können, sofern der Bewerber sie sinnvoll – etwa mit einem Ehrenamt – gefüllt hat.

Steuervorteile gibt’s auch

Erhältst du für dein Engagement einen kleinen Obulus, so werden auf ihn keine Steuern und Sozialabgaben fällig, solange er 720 Euro pro Jahr nicht übersteigt. Geregelt ist die so genannte Ehrenamtspauschale im Einkommensteuergesetzes. Um sie in der Steuererklärung ansetzen zu können, muss dein Ehrenamt in einer öffentlich-rechtlichen oder gemeinnützigen Körperschaft angesiedelt sein und gemeinnützigen, kirchlichen oder mildtätigen Zwecken folgen. Zudem darf es zeitlich nicht mehr als ein Drittel einer Vollzeittätigkeit ausmachen, sprich: es muss nebenberuflich sein. Achtung: Für das gleiche Ehrenamt lassen sich Ehrenamtspauschale und Übungsleiterfreibetrag nicht kombinieren.

Achtung

Wer mit Blick auf bessere Karrierechancen auf die glorreiche Idee kommt, sich einfach mal pro forma ein möglichst beeindruckendes Ehrenamt zuzulegen, um dort dann Däumchen zu drehen, sollte seinen Plan nochmal überdenken. Zum einen ist das den Initiativen und den Hilfsbedürftigen gegenüber alles andere als fair. Empfehlungsschreiben wird es dafür bestimmt nicht geben. Zum anderen fällt es schwer, ein ungeliebtes oder halbherziges Ehrenamt im Bewerbungsgespräch glaubwürdig zu präsentieren.

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